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Kotzen hilft
Leben ist, dem Karussell im eigenen Kopf hinterher zu rennen, sagt sie. Ein Rausch aus Farben und Musik – Endorphine und Glück, dann Fantasie, die zum Alptraum wird, während man schneller und schneller hetzt und doch nicht vorankommt, voll gepumpt mit Adrenalin und Frustration. Und dabei entdeckt man, ganz beiläufig, dass man mit sich allein ist und es immer sein wird, weil jeder schreit und niemand dem anderen zuhört. Und irgendwann bleibt man stehen, weil es das Einzige ist, was man noch nicht getan hat, ringt nach Luft, kotzt, und auf einmal bist du da und sie hören dir zu, weil es dir nicht mehr wichtig ist, dass sie es tun. Das ist der Anfang. Probier es aus. Und wirklich, kotzen hilft.
Das Papier an ihren Lippen verglimmt und ich versuche, den Sinneinheiten zu folgen, die am Rauch vorbei herausfallen, hinein in die Dunkelheit.
Wieder ein Aufleuchten und wieder diese Lippen, die heute Nacht nicht nur nach Leben und Rauch schmecken, sondern auch nach mir.
Ich richte mich vom Kissen auf und versuche, die Konturen ihres Gesichts von den Schatten zu trennen, die durch die Vorhänge auf uns, zwischen uns fallen. Doch Schatten habe ich noch nie verdrängen können. Anders als sie, die alles einfach auf Ebenen hebt, auf denen Schatten bloß Lichtverhältnisse sind, ein Trick, fast schon Weisheit. Oder Ignoranz. Je nachdem. Synonym.
Vielleicht ist das, was mich am meisten an ihr fasziniert, dass sie nichts versucht, sondern es einfach macht. Leben heißt handeln, noch so ein Konstrukt ihrer Lippen, und ich schätze, dass sie damit agieren meint, ohne das re davor, meine Variation des Versuchens.
Ich höre sie lächeln und spüre ihre Hand auf meinem Bauch. Ihre Fingerspitzen finden mich, ohne Zögern, und ich schließe die Augen, um mich erinnern zu können, später, wenn ich zurück bin, in meiner Welt. Wie das schon klingt. Und doch gehöre ich nicht hierher. Nicht in ihr Bett. Nicht in ihre Berührung. Schon gar nicht in den Fluss ihrer Gedanken
Ich beneide sie um den Sinn ihrer Einheiten. Nicht nur am Rauch vorbei, sondern auch auf dem Papier entsteht bei ihr das, woran ich scheitere. Was ich nur versuche, nein, schlimmer, versucht habe, denn ich schreibe nicht mehr, seit fast einem Jahr. Und die Leere auf meinem Bildschirm ist ein Zwilling der Ernüchterung, die dem Adrenalin neuer Texte gefolgt ist, schleichend erst, dann nicht mehr zu ignorieren. So wie die Erkenntnis, dass es irgendwann nichts anderes mehr war als Imitation. Reaktion. Ein Buchstabenkarussell mit ausgeleierter Kurbel, dessen Schnittmenge mit dem, was ich bin, immer kleiner wurde. Und noch nie kongruent war.
Wir schreiben wie wir leben, sagt sie, und Versuche scheitern eben, weil es aufs Wollen ankommt und nicht aufs Möchten.
Ich beuge mich dichter über sie. Die Konturen ihres Gesichts sind nun deutlich zu sehen und mir wird klar, dass ich mich geirrt habe. Dass ich nirgendwohin zurückkehren will. Dass ich stehen bleiben muss, um nicht mehr sprachlos zu sein.
Scheiß aufs Karussell, sage ich und küsse sie, weil ich es will und weil es besser ist als zu kotzen. Zumindest hier im Bett.
© Diana Lühmann - Alle Rechte vorbehalten.
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